Existenzsichernder Lohn, Gesundheitsschutz und gute Qualifikation!

Hayri Yilmaz vom Bodenverkehrsdienstleister Aviapartner in DUS im Interview

Interview von verdi-airport mit Hayri Yilmaz, ver.di Vertreter von Aviapartner DUS in der verdi Bundestarifkommission Bodenverkehrsdienste und Betriebsratsvorsitzender bei Aviapartner in Düsseldorf.


verdi-airport.de: Hayri, seit vielen Jahren arbeitest Du auf Bundesebene mit ver.di-Vertreter/innen aus fast allen Unternehmen der Bodenverkehrsdienste (Passagier- und Gepäckabfertigung) zusammen.
Du bist in der Bundestarifkommission der gewählte ver.di Vertreter aller verdi Mitglieder, die bei Aviapartner in Düsseldorf arbeiten. Was ist Euer Ziel?

Hayri Yilmaz: Unser Ziel ist ein Branchentarifvertrag für alle. Also einen Tarifvertrag, für alle, die in der Gepäck – und Passagierabfertigung arbeiten. Und daher auch für mich und meine Kolleginnen und Kollegen bei Aviapartner in DUS gilt.
Warum? Unsere Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert.
Wie sieht es denn aus da draußen – realistisch gesehen:
• viele von uns werden an den Flughäfen unterschiedlich entlohnt – bei gleicher Arbeit.
• wir erleben fehlende Anerkennung und mangelnden Respekt gegenüber unserer täglichen Arbeitsleistung
• wir leiden unter fehlendem Gesundheitsschutz und extremer Belastung
• zu wenig Einarbeitung und Qualifizierung führt zu teilweise sicherheitsgefährdenden Situationen
• zu wenig Personal verschlimmert dies alles, da kaum noch jemand zu diesen Bedingungen arbeiten will.
• Es werden immer mehr Beschäftigte als Kapovaz Mitarbeiter (Arbeit auf Abruf) eingestellt, um Kosten zu
sparen und sie "flexibel" einsetzen zu können.

verdi-airport.de: Wer treibt diese Entwicklung voran?

Hayri Yilmaz: Die Airlines setzen alle Anbieter der Gepäck- und Passagierabfertigung unter extremen Kostendruck. Immer weniger Beschäftigte sollen in immer weniger Zeit immer mehr abfertigen. Für immer weniger Geld. In einer Teufelsspirale werden wir gegeneinander ausgespielt.
Neulich haben wir bei Aviapartner in DUS zwei wichtige Kunden verloren, weil die Konkurrenz für weniger Geld abfertigt.

verdi-airport.de: Und die Lösung wäre …?

Hayri Yilmaz: Wir, die ver.di-Bundestarifkommission Bodenverkehrsdienste haben eine Lösung: einen Tarifvertrag für alle Beschäftigten in den Bodenverkehrsdiensten.
Ein solcher Branchentarifvertrag bewirkt, dass die Arbeitsbedingungen bei allen gleich sind – und wir nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden, sondern zusammenhalten. Mit einer Stimme. An allen Flughäfen!
Wir wollen deshalb mit allen Arbeitgebern an einen Tisch und dort einen neuen Tarifvertrag ausarbeiten, der für alle Unternehmen in der Branche gelten wird.
Dieser Tarifvertrag soll regeln:
Existenzsichernde Entlohnung. Das Gehalt muss reichen für die Miete, für ein Auto, die Familie
und Urlaub.
Angemessener Gesundheitsschutz. Die schwere Arbeit darf nicht mehr krankmachen.
Ein Recht auf faire Qualifizierung für alle Beschäftigten. Gleiche Ausbildung/Einarbeitung für
alle!

verdi-airport.de: Was ist in den letzten drei Jahren in dieser Richtung passiert?

Hayri Yilmaz: Wir haben die Initiative „Damit Fliegen sicher bleibt“ ins Leben gerufen. Diese ver.di-Initiative setzt sich für existenzsichernde, Gesundheit und Flugsicherheit erhaltende Arbeitsbedingungen im Bodenverkehrsdienst ein. Wir haben angefangen, dem Bodenverkehrsdienst eine gemeinsame, bundesweite Stimme zu geben. Dafür haben wir die Internetseite www.verdi-airport.de aufgestellt, auf der gemeinsame Aktionen und neue Tarifinfos sowie alles wichtige zu unserem Projekt steht. Auch auf facebook sind wir seit 2015 aktiv unter https://www.facebook.com/damitFliegenSicherBleibt/

Wichtig ist und war es, dass die Beschäftigten aus allen Unternehmen sichtbar werden, dass die gemeinsamen Probleme bei den Arbeitgebern und in der Öffentlichkeit Gehör finden. Deshalb haben wir im Sommer 2015 eine bundesweite Umfrage gemacht, bei der über 2000 Beschäftigte aus allen Flughäfen und Unternehmen befragt wurden zu ihrer Arbeitszufriedenheit. Auch wir bei Aviapartner haben uns daran beteiligt. Dabei kam raus:

83 Prozent der Befragten leiden darunter, dass die Arbeit in den Bodenverkehrsdiensten nicht existenzsichernd sei – eine Folge von Befristungsquoten von bis zu 40 Prozent, Leiharbeit sowie Kapovaz
(Arbeit auf Abruf).
Das wiederum treibt eine hohe Fluktuation unter den Beschäftigten an, in deren Folge neue Kollegen oft nicht ausreichend eingearbeitet oder weiterqualifiziert werden können (84 Prozent). 72 Prozent gaben an, dass Sicherheits- und Qualitätsvorgaben infolge des Arbeitsdrucks oft nicht eingehalten werden können und gerade mal ganze sieben Prozent können sich vorstellen, unter den gegebenen Bedingungen bis zum Rentenalter ihren Beruf ausüben zu können.

Mit diesen Ergebnissen informieren wir seitdem die Politik, die Arbeitgeber und die Passagiere darüber, dass die Arbeitsbedingungen im Bodenverkehrsdienst dringend verbessert werden müssen- weil sonst auch die Flugsicherheit in Gefahr geraten wird!

Im Frühling 2016 haben wir auf einer bundesweiten Konferenz mit über 120 ver.di Vertrauensleuten beschlossen, dass wir ab jetzt gemeinsam für einen Branchentarifvertrag kämpfen werden.


verdi-airport.de: Was ist außerdem noch getan worden?

Hayri Yilmaz: Im Juni 2016 haben wir das erste Mal gemeinsam in allen BVD Unternehmen in Deutschland und weiteren 20 Ländern der Welt einen Protest und Aktionstag veranstaltet. Anlass war der Jahrestag der IATA, auf der der Rekordgewinn der Airlines verkündet und gefeiert wurde. Dadurch ist unser Anliegen bundesweit und international in der Presse erwähnt worden. Diese Aktion wurde deswegen möglich, weil wir uns seit Jahren auch international vernetzen. So z.B. bei einer Reise in die USA, wo wir die Gewerkschaften, die an den amerikanischen Flughäfen für gerechte Arbeitsbedingungen kämpfen kennen gelernt und uns ausgetauscht haben. Auch in Schiphol, wo unsere Schwestergewerkschaft aktiv ist, haben wir einen Solidaritätsbesuch gemacht.

Damit wir bei allen Haustarifverhandlungen in den unterschiedlichen BVD Unternehmen nicht weiter gegeneinander ausgespielt werden können, haben wir in einem langen Diskussionsprozess in den Jahren 2015 und 2016 tarifliche Mindeststandards beschlossen. Das bedeutet, dass keine Haustarifkommission unterhalb dieser Mindeststandards bei Entlohnung, Urlaub, Arbeitszeit etc. einen Tarifvertrag unterzeichnen darf. Das hat dazu geführt, dass wir bei gemeinsam abgestimmten Haustarifverhandlungen Anfang 2017 im Schnitt über 20% Gehaltssteigerung erkämpfen konnten. Dadurch haben wir gelernt und bewiesen: sich eng abzustimmen und sich den Rücken zu stärken macht stark!

Im Frühling 2017 haben wir uns auf einem gemeinsamen Seminar zum Thema Arbeitnehmerhaftung und Gesundheitsschutz schlau gemacht. Denn durch die schlechte Bezahlung will kaum noch jemand im BVD arbeiten. Dieser Personalmangel führt zu Überlastung und möglichen Unfällen- vor denen sich die Beschäftigten schützen müssen.


verdi-aiport.de: Und konntet ihr schon etwas erreichen durch Euer Engagement?

Hayri Yilmaz: Bis Anfang 2017 weigerten sich die Arbeitgeber, uns ernst zu nehmen.
Seitdem wir erstmals mit Flughafentöchtern und Drittanbietern die Flughäfen Berlin, Hamburg und Stuttgart bestreikt und an über 6 BVD Unternehmen bis zu 20% Lohn erhöht haben, hat sich das Blatt gewendet.
Jetzt stehen wir kurz vor dem Einstieg in Verhandlungen.
Hatte der Bodenverkehrsdienst bis vor wenigen Jahren noch keine gemeinsame Stimme, zeigen nun über 800 Beschäftigte auf unserer Kampagnenseite auf einem Foto Gesicht für existenzsichernde Arbeitsbedingungen. Darunter auch viele Beschäftigte von Aviapartner.

Nun beginnt auch die bundesweite Presse, auf uns aufmerksam zu werden. Mal nur ein Beispiel, das Handelsblatt schrieb im März 2017:

„… Wollen wir als Verbraucher das wirklich? Wollen wir als starke Volkswirtschaft in einer kritischen Infrastrukturbranche eine wachsende Zahl von Menschen beschäftigen, die von ihrem Einkommen allein vielleicht nicht mehr leben können? Fliegen ist eine äußert komplexe Wertschöpfungskette, an der unzählige Firmen beteiligt sind. Diese Dienstleistung sollte uns daher auch etwas wert sein …“

Jetzt sind die Arbeitgeber endlich bereit, mit uns in Verhandlungen einzutreten.
Zur Zeit sind wir noch in Terminabstimmungen, aber wir lassen nicht locker. Diesen Sommer soll es losgehen.

verdi-airport.de: Wie soll das gehen – es gibt ja schon auf Unternehmensebene Tarifverträge. Aviaprtner in DUS hat ja schon einen Haustarifvertrag.

Hayri Yilmaz: Das ist richtig, weil wir überall bereits Tarifverträge haben, können wir die Arbeitgeber nicht durch einen Streik dazu zwingen, sondern müssen sie mit Argumenten und Öffentlichkeitsarbeit überzeugen. Eine gemeinsame Strategie bei den Haustarifverhandlungen ist natürlich auch Voraussetzung.
Der neue Branchetarifvertrag, den wir dieses Jahres noch verhandeln werden, wird dann die alten Tarifverträge ablösen.

ver.di-airport.de: Die Arbeitsbedingungen im BVD sind ja zwischen den Unternehmen sehr uneinheitlich. Einige verdienen wesentlich mehr als die anderen. Wie will man sich denn da auf ein neues, bundesweites Niveau einigen?

Hayri Yilmaz: Klar ist: Niemand wird durch den neuen Branchentarifvertrag schlechter gestellt als vorher. Der Tarifvertrag soll gesetzlich vorgeschrieben sein, damit alle Unternehmen ihn anwenden müssen.

Das wird nicht umsonst zu sein haben. Denn gute Arbeit hat ihren Preis. Deshalb sagen wir laut und deutlich:
Der Verantwortung, die wir jeden Tag für die Flugsicherheit tragen, muss deutlich besser Rechnung getragen werden.
Unsere Geschäftsführungen müssen vernünftige Abfertigungspreise gegenüber den Fluggesellschaften durchsetzen.
Bodenverkehrsdienstleistungen sind kein Ramschprodukte, sondern hochwertige und sicherheitsrelevante Dienstleistungen. Sie werden unter schwierigsten Herausforderungen und Bedingungen erbracht.
Jede Airline, die unsere Flughäfen anfliegen will, muss bereit sein, entsprechend dafür zu zahlen, damit Fliegen Sicher bleibt.

Dafür stehen wir ein. Einer für alle – Alle für einen!

https://www.facebook.com/damitFliegenSicherBleibt/

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