Kofferchaos an deutschen Flughäfen. Drei Stunden Wartezeit am Gepäckband

Der Billigwahn im Fluggeschäft trifft neben den Mitarbeitern neuerdings verstärkt auch die Kunden - wenn das Warten auf das Gepäck länger dauert als der Flug.

Spiegel Online. 12. August 2017
Von Dinah Deckstein und Martin U. Müller

http://www.spiegel.de/spiegel/deutschland-warum-an-flughaefen-kofferchaos-herrscht-a-1162460.html


Glaubt man Fremdenverkehrswerbern aus dem norditalienischen Bergamo, ist die Stadt ein ideales Reiseziel. Ihre Kommune sei "ein Wunder aus Kunst und Kultur", schwärmen die Ferienmanager auf ihrer Website, und "mit einem Billigflug von jeder Ecke Europas in zwei oder drei Stunden" erreichbar.

Die Rückreise kann etwas länger dauern. Fast drei Stunden mussten die Passagiere des Ryanair-Flugs FR 5501 von Bergamo nach Hamburg am Samstag vergangener Woche warten, bis sie nach der Ankunft ihre Koffer in Empfang nehmen konnten.

Wie den Italienurlaubern erging es in den vergangenen Wochen und Monaten vielen Reisenden an deutschen Flughäfen. Nicht nur in Hamburg, auch in Berlin, Düsseldorf und Bremen scharten sich Trauben von Menschen um die Gepäckbänder - in der Hoffnung, dass sich endlich etwas bewegt. Außerhalb der Ankunftshallen türmten sich oft angekommene, aber nicht weitergeleitete Koffer und Taschen zu monströsen Bergen. Die hauptamtlichen, bei Flughafentöchtern oder externen Dienstleistern angestellten Verlader waren der Massen nicht mehr Herr geworden.

Nach Aussagen von Airport-Sprechern fehlte es an Personal, besonders in der Ferienzeit. Geeignete Kräfte mit lupenreinem Leumund, reichlich Muckis und der Bereitschaft zu Schichtdienst seien ohnehin schwer zu bekommen, klagten sie. Außerdem seien Gepäcklader überraschend krank geworden. Das mag alles stimmen, greift aber zu kurz. In Wahrheit zeigt das Kofferdebakel exemplarisch, wohin der grassierende Sparwahn der Branche auch in anderen Servicebereichen langfristig führen könnte: geradewegs ins Chaos.


Seit vor gut 20 Jahren der Luftverkehr und die Bodendienste in Europa stufenweise liberalisiert worden sind und sich Preisbrecher wie Ryanair auf dem Kontinent breitgemacht haben, gilt für die Branche nicht mehr die Devise: schneller, höher, weiter, sondern: billig, billig, billig. Als Erste bekamen das die Beschäftigten zu spüren.

Piloten und Flugbegleiter verdienen heute deutlich weniger als ihre Vorgänger, nehmen das jedoch hin, weil sie Fliegen per se faszinierend finden. Bei einfachen Gepäckmitarbeitern fällt das Motiv weg. Sie können genauso gut in der boomenden Sicherheits- oder Logistikbranche arbeiten und tun das auch zunehmend.

Nach Auskunft der Gewerkschaft Ver.di haben sich die Löhne der Be- und Entlader gegenüber früher um bis zu 20 Prozent reduziert. Sie bringen es in der Regel nur noch auf ein Bruttogehalt von rund 1500 Euro im Monat. "Das ist jenseits von Gut und Böse", kritisiert Ver.di-Tarifsekretärin Katharina Wesenick, "zu solchen Bedingungen will doch keiner mehr arbeiten."

Die Kunden interessierte die Lohndrückerei bislang wenig. Hauptsache, das Ticket war billig. Doch das könnte sich bald ändern, denn das Kofferchaos zeigt, wie wichtig qualifiziertes und entsprechend fair bezahltes Personal gerade für reibungslose Abläufe beim Fliegen ist. Sonst ist die Erholung schon kurz nach dem Eintreffen in der Heimat wieder perdu.

Bis vor Kurzem war zum Beispiel in Berlin die Privatfirma WISAG für die Gepäckbeförderung bei Air Berlin zuständig. Ende März wechselte die Fluggesellschaft zu einem Ableger des sich noch immer in Staatsbesitz befindlichen Münchner Flughafens. Er bot die Dienstleistung billiger an. Einige vergleichsweise teure, aber erfahrene Kräfte seines Vorgängers konnte er nicht übernehmen, weil die lieber beim alten Arbeitgeber bleiben wollten.

Was für Kunden von Air Berlin folgte, war schlicht unzumutbar. Weil es zu lange dauerte, bis das Gepäck be- oder entladen war, starteten die Jets bereits ab Ostern mit gewaltigen Verspätungen oder hoben erst gar nicht ab. Überall bildeten sich endlose Schlangen. Einige Probleme dauern bis heute an. Das Berliner Flughafenmanagement hat die Kollegen in München inzwischen schon zum zweiten Mal abgemahnt. Zumindest die zweite Rüge wollen die Bayern nicht akzeptieren, weil ihrer Ansicht nach das schlechte Wetter schuld war. Sie haben Widerspruch eingelegt, von den Berlinern aber noch nichts gehört.

Auch in Hamburg geriert sich ausgerechnet ein Ableger des Flughafenbetreibers als Preisdrücker bei der Gepäckbeförderung. WISAG verlor dort erst kürzlich einen Airline-Kunden, weil der senatseigene Wettbewerber mit Schnäppchenpreisen lockte. "Es kann doch nicht sein", empört sich die Ver.di-Beauftragte Wesenick, "dass öffentlich-rechtliche Gesellschaften den Spitzenreiter bei der Absenkung der Löhne spielen."

Die Arbeitnehmervertreterin schlägt vor, dass sich Flughäfen, Airlines und Behörden zusammensetzen, um einen einheitlichen Branchentarifvertrag zu erarbeiten und den Wettlauf um immer niedrigere Löhne für die Kofferträger zu beenden. Am Ende müssten die Airlines dem jeweiligen Gepäckdienstleister dann wohl etwas mehr zahlen. Was leicht zu verkraften wäre: Immerhin verlangen die meisten Fluggesellschaften inzwischen von ihren Kunden Zuschläge für jedes angemeldete Gepäckstück von 10 bis 70 Euro, bei Direktaufgabe am Flughafen können im Extremfall sogar 150 Euro fällig werden.

Bei solchen Preisen sollte der Passagier eigentlich erwarten können, dass seine Habseligkeiten kurz nach der Landung abholbereit sind.

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