Die Existenzsicherung ist nur ein erster Schritt

ver.di will bei den Bodenverkehrsdiensten gleiche Standards für alle durchsetzen

ver.di Publik : / Ausgabe 03, April 2017 / Gewerkschaft / Gewerkschaft / Seiten 4+5 / Die Existenzsicherung ist ein erster Schritt

ver.di publik - Wie sieht die Bilanz der ersten Tarifabschlüsse bei den Bodenverkehrsdiensten aus?
Katharina Wesenick - Durch die Liberalisierung der Bodenverkehrsdienste ist eine riesige Lücke zwischen dem alten, existenzsichernden Standard, dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, und den dann auf den Markt strömenden Billiganbietern mit Dumpinglöhnen entstanden. Diese Lücke beträgt bis zu 30 Prozent. Jetzt ist es uns gelungen, sie in Haustarifverhandlungen bei sechs Unternehmen um acht bis 15 Prozent, teilweise sogar um 20 Prozent, zu verringern.
Wir haben viele neue Mitglieder gewonnen, und wir hatten eine sehr hohe Streikbeteiligung, mitunter bis zu 100 Prozent. Da wir jedoch noch keinen Branchentarifvertrag haben, gibt es immer noch Dienstleister, die ihre Beschäftigten ohne Tarifvertrag mit Mindestlöhnen abspeisen und sich damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

ver.di publik - Welche Forderungen sind noch nicht erfüllt?
Wesenick - Immer noch unbeantwortet sind die Fragen des Arbeitsdrucks, der mangelnden Qualifikation, der prekären Arbeit. Nach wie vor herrschen bei den Bodenverkehrsdiensten hohe Leiharbeits- und Befristungsquoten. Auch die oft sicherheitsgefährdende Unterbesetzung ist für die Beschäftigten und die Passagiere nicht länger zu verantworten.


ver.di publik - Habt ihr die noch offenen Fragen in den Verhandlungen diskutiert?
Wesenick - Wenn wir nur in einzelnen Unternehmen durch Haustarifverhandlungen existenzsichernde und gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen schaffen würden, gerieten diese Unternehmen dadurch in einen Wettbewerbsnachteil. Die Arbeit bei den Bodenverkehrsdiensten ist nicht auf menschenwürdige Bedingungen ausgerichtet, sondern auf Kostenersparnis. In den Haustarifverhandlungen mussten wir deshalb im ersten Schritt dafür sorgen, dass vor allem die Existenz unserer Mitglieder gesichert ist.

ver.di publik - Wie wollt ihr die anderen Probleme angehen?
Wesenick - Das geht nur durch einen Branchentarifvertrag. Dazu müssen wir uns mit allen Arbeitgebern an einen Tisch setzen. Alle Unternehmen müssen die gleichen Standards garantieren, nicht nur bei der Bezahlung, sondern auch bei den Themen Gesundheit, sicherheitsrelevante Qualifikationen oder Entlastung der Beschäftigten. Nur dadurch können Sicherheitsstandards für Passagiere und Beschäftigte eingehalten werden.

ver.di publik - Und wie hoch ist die Bereitschaft der Arbeitgeber, über einen Branchentarifvertrag zu verhandeln?
Wesenick - Sagen wir mal: Sie ist verhalten positiv. Wir sind jetzt seit über zwei Jahren in Gesprächen, im Rahmen unserer Kampagne "Damit Fliegen sicher bleibt". Viele sind bis vor kurzem noch der Meinung gewesen, dass man sich durch individuelles Lohndumping Wettbewerbsvorteile verschaffen kann. Langsam scheint ein Umdenken stattzu­finden. Die sozial verantwortlicheren Arbeitgeber an den Flughäfen beginnen, den Ton anzugeben. Sie wollen die Arbeitsbedingungen dem Wettbewerbsdruck entziehen.

ver.di publik - Wie geht es jetzt für ver.di weiter?
Wesenick - Im Mai findet ein "Konstruktiver Dialog" zwischen ver.di und den Arbeitgebern statt. Wir erwarten, möglichst bald in Branchentarifverhandlungen einzusteigen. Das ist auch unbedingt notwendig, denn durch den Ansturm der sogenannten Lowcoster, also der ­Billigfluglinien, auf die großen Flughäfen, droht die weitere Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Ryanair sorgt zum Beispiel mit Schlagzeilen für Aufsehen, dass das Unternehmen für das Fliegen selbst gar kein Geld mehr nehmen, sondern die Flüge über den Verkauf von Kaffee an Bord finanzieren wolle. Da stellt sich die Frage, was dann noch für die Bodenverkehrsdienste übrig bleibt.

ver.di publik - Im Sommer stehen an vier weiteren Flughäfen Haustarifverhandlungen an.
Wesenick - Sie werden im Juni/Juli beginnen. Auch da wird es in erster Linie um existenzsichernde Löhne gehen, während wir parallel in die Branchentarifverhandlungen einsteigen. Hier wie dort werden unsere Tarifkommissionen, Vertrauensleute und Mitglieder sicherlich die gleiche Entschlossenheit zeigen wie bei den jetzt abgeschlossenen Tarifrunden.


Katharina Wesenick ist die Tarif­sekretärin für Flughäfen im Ressort Verkehr beim ver.di-Bundesvorstand


Interview: Heike Langenberg

Quelle: https://publik.verdi.de/2017/ausgabe-03/gewerkschaft/gewerkschaft/seiten-4-5/A2

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